1.9.26

Enttäuschte Hoffnung

Ich hoffe, dass ich nach meinem Tod nicht verwese, sondern in den Himmel komme.

Diese Hoffnung kann nicht enttäuscht werden. Denn wenn ich nicht in den Himmel komme, sondern verwese, merke ich das ja nicht und kann also auch nicht enttäuscht sein.

Es sei denn, du kommst in die Hölle.

27.6.25

Frag-würdige Rachephantasien (Psalm 137)

 «Tochter Babel, du Verwüsterin, 

wohl dem, der dir vergilt, was du uns getan hast! 

Wohl dem, der deine jungen Kinder nimmt

und sie am Felsen zerschmettert!»

Darf man das sagen?

Darf man so denken?

Aber auch: 

Durfte die Tochter Babel die jungen Kinder Jerusalems nehmen und sie am Felsen zerschmettern?

Darf man Krieg führen gegen Kinder?

Darf man Kinder dem Hungertod überlassen? 

Darf man Kinder ohne medizinische Versorgung lassen?

Darf man Kinder - materiell oder emotional - verwahrlosen lassen?

Die eigenen Kinder?

Fremde Kinder?

Kinder in fernen Ländern?

Wohl denen, die keine Kinder töten!

20.6.24

"Die Unsitte, eigene Arbeiten zu zitieren"

"Der Autor zitiert sich selbst relativ am häufigsten. Ist das von vornherein schon ein fragwürdiges Verfahren, so wirkt es dort besonders peinlich, wo auch andere zu der angesprochenen Problematik das Wort nahmen. Es sei gestattet, aus gegebener Veranlassung ein Ausrufezeichen zu setzen, weil in der jüngeren Vergangenheit die Unsitte, eigene Arbeiten zu zitieren, mindestens im deutschsprachigen Raum zugenommen hat. Es gibt, wenn man es recht bedenkt, nur in den seltensten Fällen dafür einen Grund. Deshalb wäre es zu begrüßen und der wissenschaftlichen Debatte dienlicher, würde man davon wieder Abstand nehmen."

Aus einer Buchbesprechung in der Theologischen Literaturzeitung 109, 1984, Sp. 803-804

13.4.23

"Jüdisches Fleisch"?

In einem Text zur Predigtvorbereitung für Weihnachten habe ich gelesen: "Das Wort, das in Jesus Fleisch wird, wird jüdisches Fleisch ..." (vgl. Johannesevangelium 1,12).

Gibt es "jüdisches Fleisch"? Haben nicht alle Menschen (und Tiere?) das gleiche Fleisch?

6.4.23

Gedanken zu Psalm 127

Wenn nicht Gott das Haus baut,
dann mühen sich umsonst, die daran bauen.
Wenn nicht Gott die Stadt bewacht,
dann wacht der Wächter umsonst.
Umsonst steht ihr früh auf
und setzt euch spät hin
und esst, was ihr mühsam erworben habt.
Wenn Gott liebt, dem gibt er Schlaf.

Wir brauchen den Schlaf,
etwa ein drittel des Tages,
zur Erholung unseres Körpers
und unseres Geistes.
Wer zu wenig schläft, wird krank.

Im Schlaf sind wir verletzlich,
wehrlos wie ein kleines Kind.
Deshalb bauen wir uns Häuser
oder mieten uns Wohnungen,
in denen wir sicher schlafen können.
Deshalb hatten wir lange Zeit Nachtwächter,
die unsere Häuser bewachten,
wenn wir schliefen.
Wir sorgen vor,
damit wir ruhig schlafen können.

Doch manchmal rauben uns die Sorgen den Schlaf.
Nicht immer beschützen uns Häuser und Wächter mit Erfolg.
Erdbeben, Feuer, Einbrecher, Krieg,
so viel kann passieren.
Krankheit, Armut, Arbeitslosigkeit
können alle treffen
wie ein Blitz aus heiterem Himmel.

Wird Gott uns beschützen,
wenn wir wehrlos sind?
Wird Gott dafür sorgen,
dass unsere Vorsorgemassnahmen wirksam sind?
Wir hoffen es, aber wir wissen es nicht.

So viele Menschen sind arm und hungrig,
arbeitslos und obdachlos, krank und verzweifelt.
Hat Gott sie nicht beschützt?
Haben wir es verdient,
dass es uns besser geht?

Gott, lass uns ruhig schlafen.
Lass auch die Menschen ruhig schlafen,
die nicht wissen,
ob sie morgen etwas zu essen haben werden,
und einen Platz zum schlafen.
Lass sie und uns träumen
von einer besseren Welt,
in der alle Menschen genug zu essen haben
und einen Platz, wo sie ruhig schlafen können.
Erlöse uns von Kurzsichtigkeit und Egoismus,
dass wir nicht nur an unsere eigenen Häuser und Wohnungen denken
und an unsere eigene Sicherheit.

Wenn nicht Gott das Haus baut,
dann mühen sich umsonst, die daran bauen.
Wenn nicht Gott die Stadt bewacht,
dann wacht der Wächter umsonst.
Umsonst steht ihr früh auf
und setzt euch spät hin
und esst, was ihr mühsam erworben habt.
Wenn Gott liebt, dem gibt er Schlaf.

Amen.

12.6.22

opium des volkes

 religion ist das opium des volkes, sagt karl marx. (lenin sagt, sie ist opium für das volk.)

stell dir vor, du stirbst an krebs, unter starken schmerzen und grossen qualen. opium (bzw. morphium) hilft dir vielleicht, die schmerzen zu ertragen, einen rest deiner würde zu bewahren, wenn du stirbst.

stell dir vor, du bist zehn jahre alt und suchst nach wertstoffen auf einer müllhalde, barfuss, in schwaden von giftigen dämpfen. bist du der letzte dreck? oder ein ebenbild gottes? gibt es niemand, der für dich eintritt? oder hast du einen vater im himmel?

stell dir vor, du sitzt in einem panzer. man hat dich gezwungen, in den krieg zu ziehen. du hast menschen getöten. jetzt siehst du die rakete auf dich zufliegen, die dich und deine kameraden zerreissen wird ...

stell dir vor, dein mann schlägt dich, immer wieder, und dann tut es ihm leid, und du liebst ihn, und er schlägt wieder zu ...

wann ist opium nützlich, wann schadet es? wer hat das zu entscheiden? wer bringt leute dazu, dass sie opium brauchen? wer profitiert vom opiumhandel?

ist religion nur zur betäubung gut? oder kann sie auch träume vermitteln, visionen, ahnungen, die kraft geben zu widerstehen, aufzustehen, aufrecht zu gehen?

24.4.22

Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will (Albert Schweitzer)

Vielleicht eher: Ich bin ein Lebewesen, das leben will, inmitten von Lebewesen, die leben wollen?!

Wollen alle Lebewesen leben?
Manche Menschen sind lebensmüde oder lebenssatt.
Manche Menschen sind unter bestimmten Umständen bereit zu sterben.
Gibt es auch lebensmüde Tiere, Pflanzen oder Bakterien?

Ist der Tod der Feind des Lebens eines Lebewesens oder sein Ende?
Ist der Anfang des Lebens eines Lebewesens gut, sein Ende aber schlecht?

Können alle Lebewesen wollen bzw. nicht wollen?
Hat das Wollen aller Lebewesen das gleiche Gewicht?

Dürfen Menschen Lebewesen töten?
Wenn ja: welche Menschen, welche Lebewesen, unter welchen Umständen?

Kann ein Mensch beurteilen, was es für ein Pferd heisst, zu leben bzw. zu sterben?
Oder für einen Maulwurf, eine Schnecke, ein Gänseblümchen, ein Bakterium?
Kann ein Bakterium beurteilen, was es für einen Menschen heisst, zu leben oder zu sterben?

Gehört zum Leben nicht nur sein Anfang und sein Ende (der Tod), sondern auch das Töten?
Bin ich umgeben von Lebewesen, die auf meine Kosten leben wollen?
Bin ich Leben, das tötet, inmitten von Leben, das tötet?

Kann ich leben, ohne zu töten?

In der Hebräischen Bibel wird die Sehnsucht danach laut:

Wolf und Lamm werden einträchtig weiden,
und der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind,

heisst es in Jesaja 65 (vgl. Jesaja 11 und Genesis 1).

Allerdings rechneten die Menschen damals die Pflanzen noch nicht zu den Lebewesen
und wussten noch nichts von Bakterien.


20.4.22

psalm 1














glücklich ist der mann,
der nicht dem rat der frevler folgt
und nicht auf den weg der sünder tritt
und nicht im kreis der spötter sitzt,
sondern seine freude hat an der unterweisung jahwes
(des schöpfers und bewegers)
und tag und nacht über seine unterweisung nachdenkt.

er ist wie ein baum,
der an wassergräben gepflanzt ist:
er bringt seine frucht zu ihrer zeit,
und seine blätter verwelken nicht.
alles, was er macht, gelingt ihm.
so sind die frevler nicht,
sie sind wie spreu,
die der wind verweht.

darum werden die frevler im gericht nicht bestehen,
und die sünder in der gemeinschaft der gerechten.
denn jahwe (der schöpfer und beweger) 
kennt den weg der gerechten,
aber der weg der frevler geht zugrunde.

(gilt das auch für frauen und nichtbinäre?)

woran soll ich mich orientieren?
auf wen soll ich hören?
mit wem mich beraten?

mit den guten oder mit den schlechten?
aber woher weiß ich,
wer gut ist und wer schlacht?

mit menschen oder mit gott,
dem schöpfer und beweger?
aber woher weiß ich, was gott denkt?

mit mir selbst?
aber wieso sollte ich besser bescheid wissen
als alle anderen
und erst recht als gott?

es ist sicher gut,
nicht immer auf die lauten zu hören,
die alles besser wissen,
die nichts und niemand ernst nehmen,
die alle verachten und verspotten,
die anders denken.

es ist sicher gut,
nicht nicht nur auf mich selbst zu hören,
sondern zu überlegen,
was ein gott mir raten würde,
ein schöpfer und beweger
der ganzen welt.

es ist sicher gut,
auch auf das zu achten,
was menschen früher gedacht haben
über gott und die welt und das leben.
wer sagt denn, 
dass wir heute alles besser wissen?

und der erfolg?
haben die recht,
denen alles gelingt?
die wachsen und gedeihen,
denen es gut geht?

machen die alles falsch,
die auf keinen grünen zweig kommen?
die in armut und elend leben
und sterben?
an die niemand denkt?
wie die spreu, die der wind verweht?

müssen gerechte auch leiden können?

bin ich wie ein baum?
will ich so sein?

ein baum braucht wasser
(und fruchtbaren boden
und licht).
was brauche ich zum leben?
worauf bin ich angewiesen?
was habe ich nicht in der hand?

ein baum bringt früchte,
die tiere und menschen ernähren
und am leben erhalten.
früchte, die samen enthalten
für neue bäume,
neues leben.
und ich?

ein baum kann nur die früchte tragen,
die ihm entsprechen.
ein ölbaum trägt keine feigen,
ein apfelbaum keine kirschen.
und ich?

können menschen sich ändern?

ein baum trägt nicht das ganze jahr früchte,
sondern nur, wenn es zeit dafür ist.
im winter wächst kein obst.
früchte brauchen zeit
zum wachsen und reifen.

können menschen immer produktiv sein?

bäume bewegen sich nicht von der stelle.
sie blühen, tragen früchte, werfen ihre blätter ab
und so weiter und so weiter,
jahraus jahrein,
jahr um jahr.
bin ich so?
will ich so sein?

übrigens:
auch bäume sterben
und verrotten,
vom borkenkäfer ganz zu schweigen.

werden die menschen für ihr verhalten zur rechenschaft gezogen?
wenn ja: wann? und von wem?
richten die gerechten über die frevler?
schließen sie sie aus ihrer gemeinschaft aus?

wäre es vielleicht auch einen versuch wert,
die frevler und sünder und spötter von ihrem weg abzubringen
und für die sache der gerechten zu gewinnen?

täte es den gerechten vielleicht gut,
sich der kritik von außen zu stellen?

gott weiß, wer wohin unterwegs ist
und wohin das führen wird?
wissen wir es auch?

ist es vielleicht besser, dass wir es nicht wissen?


14.4.22

Die ältesten Radspuren der Welt

 In Flintbek bei Kiel haben Archäologen die ältesten Radspuren der Menschheit gefunden.








Süddeutsche Zeitung, 14./15. April 2022, Seite 14

https://t.co/m85m1ryHs6

Auch Tiere haben Emotionen

Nicht nur Menschen, Schimpansen und Hunde haben Emotionen, sondern auch wirbellose Tiere wie Hummer, Oktopusse und sogar Bienen.












Süddeutsche Zeitung, 14./15. April 2022, Seite 13

24.3.22

Auch Tiere haben Kultur

https://www.nationalgeographic.de/tiere/2019/04/auch-tiere-haben-kultur

https://www.sueddeutsche.de/wissen/kultur-schimpansen-wale-fruchtfliegen-soziales-lernen-1.5260053

https://www.exlibris.ch/de/buecher-buch/deutschsprachige-buecher/carl-safina/die-kultur-der-wilden-tiere/id/9783406783265

Carl Safina, Die Kultur der wilden Tiere: Wie Wale Familien gründen, Papageien Schönsein lernen und Schimpansen Frieden schließen, München: C.H. Beck, 2022



Das kleine Paradies und die grosse Welt

Das Paradies ist relativ klein, verglichen mit der grossen, weiten Erde.

Nicht alle passen hinein - schon gar nicht alle, die schon tot oder noch nicht geboren sind.

Deshalb musste die Aufenthaltsdauer für die einzelnen Menschen begrenzt werden.

Wir bitten Sie deshalb, Ihren Platz für andere freizugeben, wenn Sie sich erholt haben.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.










Oase bei Timioun, Algerien (Chettouh Nabil)

https://de.wikipedia.org/wiki/Oase#/media/Datei:Gourara_Ksar_Tindjillet.jpg



8.2.22

Nicht so gemeint? Schöpfung und Weltentstehung

Georg Fischer schreibt in seinem großen (und großartigen) Kommentar zur biblischen Urgeschichte in Genesis 1-11 (in der Reihe Herders Biblischer Kommentar zum Alten Testament):

Die Schöpfungserzählung in Genesis 1 "präsentiert eine religiöse, spezifisch monotheistische Sicht des Universums". Sie "will und kann keine präzisen Detailangaben über seine faktische Entstehung machen." (Seite 169-170)

Wenn man die Geschichte unbefangen liest, hat man aber doch den starken Eindruck, dass sie - zumindest in den Grundzügen, aber z.B. mit recht genauen Zeitangaben - erzählen will, wie die Welt entstanden ist, nämlich durch verschiedene Schöpfungsakte eines Gottes.

Diese Sicht des Universums und seiner Entstehung erscheint heute, 2500 Jahre später, auch gläubigen Juden, Christen und Muslimen fragwürdig. Wahrscheinlich ist sie falsch. Aber sie bleibt natürlich eindrucksvoll und schön und inspirierend.

Begrenzen die anderen meine Freiheit oder ermöglichen sie sie?

Man hört oft: Die Freiheit eines Menschen wird begrenzt durch die Freiheit seiner Mitmenschen. Das ist nicht falsch aber auch nicht ganz richtig.

So wie die Freiheit meiner Mitmenschen meine Freiheit begrenzt, so wird auch die Freiheit meiner Mitmenschen durch meine Freiheit begrenzt. Jeder muss sich selbst beschränken mit Rücksicht auf die anderen. Wo die Grenze ist, wenn zwei Freiheiten aufeinanderprallen, ergibt sich nicht von selbst. Es muss ausgehandelt oder sogar ausgefochten werden - und von Zeit zu Zeit korrigiert.

Und: Meine Mitmenschen begrenzen nicht nur meine Freiheit, sondern ermöglichen sie auch erst einmal. Auf mich alleine gestellt, hätte ich als Baby nicht überlebt, könnte ich nicht lesen und schreiben, mit dem Tram fahren und mit dem Handy telefonieren. Menschen kooperieren miteinander, um den Freiraum ihres Lebens, die Möglichkeiten, die sie haben, zu vergrössern.

Kooperation ist nur möglich, wenn sich alle einschränken und aufeinander Rücksicht nehmen. So sollte es jedenfalls sein. Leider verschaffen sich Menschen auch dadurch Freiheit, dass sie andere Menschen ausbeuten und unterdrücken.

31.1.22

das reich gottes

das reich gottes
die grosse hoffnung
eine bessere welt

wird sie kommen?
wenn ja: wann?
und wie?

das reich gottes
ist im kommen
ist schon da
sagt jesus

ihr könnt jetzt schon leben
als wäre es schon da
ihr könnt es nicht verwirklichen
aber ihr müsst nicht darauf warten

ihr könnt es verwirklichen
weil es sich verwirklicht
durch euch

ihr könnt es nicht verwirklichen
aber es kann euch verändern

alles wird anders
das reich gottes
eine bessere welt

26.1.22

Achtsamkeit

Wenn ich schlafe, dann schlafe ich.

Wenn ich sitze, dann sitze ich.

Wenn ich gehe, dann gehe ich.

Und meistens denke ich beim Gehen in Ruhe über Dinge nach, die mich beschäftigen.

Dann gehe ich und denke nach.

Und manchmal träume ich, wenn ich schlafe.

Jetzt passiert immer Vieles gleichzeitig.

Achtsam sein: Darauf achten, was jetzt alles geschieht - und daran denken, was jetzt ganz woanders auf der Welt geschieht ... und was vorhin geschehen ist ... und was bald geschehen wird ...

Das alles auszublenden wäre ziemlich unachtsam, oder?

21.12.20

"Er stürzt die Mächtigen vom Thron!" Warten auf den Umsturz Gottes?

Lukas erzählt von Jesus' Geburt ...

Die Geschichten rund um die Geburt von Jesus in den ersten beiden Kapiteln des Lukasevangeliums sind wohl erst ein halbes Jahrhundert nach dem Tod von Jesus entstanden und mehr oder weniger frei erfunden. Trotzdem sind diese Geschichten interessant und lehrreich! Lassen wir uns einfach einmal auf sie ein, tauchen wir ein in die fremde und etwas seltsame Welt, die sie uns vor Augen stellen!

Ein revolutionäres Milieu ...

Es ist eine Welt, in der Engel Menschen erscheinen und ihnen Wunder ankündigen.

Da sind der Priester Zacharias und seine Frau Elisabeth, ein kinderloses altes Ehepaar. Elisabeth ist längst jenseits des gebärfähigen Alters. Eines Tages erscheint ein Engel erscheint dem Zacharias im Tempel beim Gottesdienst und spricht zu ihm: „Ihr werdet ein Kind bekommen. Es soll Johannes heissen (= Jahwe ist gnädig / hat Erbarmen). Er wird wirken im Geist und in der Kraft des Propheten Elija. Er wird dem Messias den Weg bereiten.“

Da ist Maria, verlobt, aber noch Jungfrau, wohl noch im Teenageralter. Zu ihr kommt eines Tages der Engel Gabriel und spricht zu ihr: „Du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären. Du sollst ihm den Namen Jesus geben (= Josua = Jahwe ist Rettung). Er wird gross sein und Sohn des Höchsten (Gottes) genannt werden. Gott, der Herr, wird ihm den Thron seines Vaters David geben. Er wird König sein über das Haus Jakob (= das Volk Israel) in Ewigkeit. Seine Herrschaft wird kein Ende haben.“

Maria vertraut darauf, dass diese Ankündigungen sich erfüllen werden. In ihrem Lobgesang spricht sie so, als hätten sie sich schon erfüllt: „Gott hat Gewaltiges vollbracht mit seinem Arm. Er hat zerstreut, die hochmütig sind in ihrem Herzen. Er hat Mächtige vom Thron gestürzt und Niedrige erhöht. Er hat Hungrige satt gemacht mit Gutem und Reiche leer ausgehen lassen. Er hat sich Israels angenommen, seines Dieners, wie er es unseren Vorfahren versprochen hat, Abraham und seinen Nachkommen in Ewigkeit.“

Als Jesus gerade geboren ist, in einem Stall in Bethlehem, verkündet ein Engel den Hirten, die in der Nähe bei ihren Schafen und Ziegen Nachtwache hielten: „Euch wurde heute der Retter geboren, der Gesalbte (griechisch: Christus, hebräisch: Messias), der Herr, in der Stadt Davids.“

Acht Tage später, als das Baby Jesus im Tempel in Jerusalem beschnitten wird, kommt ein alter Mann namens Simon hinzu, dem Gott versprochen hat: „Du wirst nicht sterben, bevor du den Messias gesehen hast.“ Simon nimmt den kleinen Jesus auf die Arme und sagt: „Nun lässt du deinen Diener gehen, Herr, in Frieden, wie du gesagt hast, denn meine Augen haben das Heil gesehen, das du vor den Augen aller Völker bereitet hast, ein Licht zur Erleuchtung der Heiden und zur Verherrlichung deines Volkes Israel.“

Schliesslich tritt auch noch eine ebenfalls hochbetagte Prophetin namens Hanna auf und preist Gott und spricht von ihm zu allen, die auf die Erlösung Jerusalems warteten.

Ein umstürzlerisches und revolutionäres Milieu ist es, in das Jesus da hinein geboren wird. Schliesslich steht Jerusalem und das ganze Heilige Land unter der Herrschaft der Römer und ihrer Vasallen wie z.B. Herodes Antipas in Galiläa und Peräa. In Jerusalem und Judäa ist Pontius Pilatus Statthalter der Römer. Nicht wenige Juden hoffen auf einen Umsturz oder mit versuchen sogar, mit terroristischen Anschlägen einen Umsturz herbeizuführen und die römische Besatzungsmacht aus ihrem Land zu vertreiben. Immer wieder treten Menschen als Messias auf - und werden in der Regel irgendwann aufgespürt und zusammen mit ihren Anhängern grausam hingerichtet, vorzugsweise gekreuzigt.

Ein Kind als Hoffnungsträger ...

Wie wächst ein Kind auf, dessen Umfeld davon überzeugt ist, es sei der Messias, es werde, wenn es gross ist, die Revolution Gottes durchführen, die Mächtigen vom Thron stürzen, die Hungrigen satt machen, die Römer vertreiben?

Bringt man ihm schon als Kind bei, mit Waffen umzugehen und Attentate zu verüben? Oder behält man seine Erwartungen für sich, um das Kind nicht zu gefährden?

Wie ist es für ein Kind, aufzuwachsen unter der Erwartung, es sei etwas ganz Besonderes, der Retter, der Erlöser, der künftige König Israels?

Hat Jesus als Erwachsener die Erwartungen und Hoffnungen seiner Mutter erfüllt? Lesen wir weiter im Lukasevangelium!

Enttäuschte Hoffnungen?

Jesus spricht zu den Menschen davon, dass die Herrschaft Gottes, das Reich Gottes „nahe gekommen“ ist. Aber wenn er das Reich Gottes mit Gleichnissen beschreibt, klingt es nicht nach einem politischen Umsturz und einer Vertreibung der Römer, sondern eher danach, dass Menschen wieder zueinander finden, dass Menschen lernen, miteinander auszukommen, dass sie lernen, was wirklich wichtig ist im Leben, und sich dafür einzusetzen.

Jesus heilt Menschen und treibt Dämonen aus. Und er sagt: „Wenn ich durch den Finger Gottes die Dämonen austreibe, dann ist das Reich Gottes bei euch angekommen.“

Als die Pharisäer ihn fragen: Wann kommt das Reich Gottes? antwortet er ihnen: „Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man es beobachten könnte. Man wird auch nicht sagen können: Hier ist es! oder: Dort ist es! Denn seht, das Reich Gottes ist mitten unter euch.“

Wartet nicht auf einen Umsturz der Verhältnisse, wartet nicht darauf, dass Gott eine bessere Welt schafft. Lebt einfach so, wie ihr meint, dass das Leben in einer besseren Welt sein sollte. Ihr könnt mehr bewirken, als ihr meint. Vielleicht ist es sogar manchmal besser, wenn ihr gar nichts tut und einfach geschehen lasst, was Gott euch an Möglichkeiten zuspielt.

Sagt Jesus damit die Revolution ab, die seine Mutter so sehnsüchtig erwartet hat? Oder spricht er von einer noch radikaleren Revolution - einer Revolution, die nicht die Hungrigen satt macht und die Satten hungrig, sondern den Hunger abschafft - einer Revolution, die nicht die Mächtigen vom Thron stürzt und die Machtlosen auf den Thron setzt, sondern die Throne umstürzt - eine Revolution die nicht den Kolonialismus, die Herrschaft der mächtigen Völker über die schwachen beseitigt, sondern die Grenzen der Völker sprengt und alle Menschen zu Schwestern und Brüdern macht?

Am Ende hängt Jesus am Kreuz, wie ein Aufrührer oder Terrorist, hingerichtet von den Römern, der Besatzungsmacht. Über ihm hatten die Römer eine Inschrift angebracht, um ihn zu verspotten und zu demütigen: „Dies ist der König der Juden.“

Nach dem Johannesevangelium war Jesus‘ Mutter dabei, als er gekreuzigt wurde. Matthäus, Markus und Lukas erwähnen sie nicht.

Was dachte sie, falls sie die Hinrichtung ihres Sohnes miterlebt hat? Dass er ihre Erwartungen enttäuscht hat, dass er Israel nicht befreit hat von der Herrschaft der Römer und vom Hunger, dass er das Königreich seines Vorfahren David nicht wieder aufgerichtet hat?

Oder sah sie die Erwartungen und Hoffnungen, die sie als junge Frau hatte, jetzt in einem neuen Licht, sagte sie: die Revolution Gottes geschieht anders als ich es mir damals als junge Frau vorgestellt habe - nicht mit einem grossen Knall, sondern in vielen kleinen Schritten?

Ein Umsturz der anderen Art?

Am Anfang der Apostelgeschichte, der Fortsetzung seines Evangeliums, erzählt Lukas, dass Jesus nach seiner Auferstehung immer wieder seinen Aposteln erschienen ist und mit ihnen über das Reich Gottes gesprochen hat. Dabei haben ihn seine Jüngerinnen und Jünger gefragt: „Herr, wirst du noch in dieser Zeit deine Herrschaft wieder aufrichten für Israel?“ Jesus hat ihnen geantwortet: „Euch gebührt es nicht, Zeiten und Fristen zu erfahren, die der Vater in seiner Vollmacht festgesetzt hat. Aber ihr werdet Kraft empfangen, wenn der heilige Geist über euch kommt, und ihr werdet meine Zeugen sein, in Jerusalem, in ganz Judäa, in Samaria und bis ans Ende der Erde.“

Die politischen Hoffnungen der Jüngerinnen und Jünger auf ein messianisches Königreich in Israel haben sich bis heute nicht erfüllt. Aber von damals bis heute haben Menschen im Geist und in der Kraft Gottes Kranke gepflegt und manchmal auch geheilt, haben die Grenzen der Klassen, der Nationen, der Kulturen und Religionen übersprungen, haben Hunger und Durst gelindert, haben Nackte bekleidet, haben Gefangene besucht und befreit, haben sich eingesetzt für Recht und Gerechtigkeit, haben das Feuer der Liebe entzündet gegen die Dunkelheit, die Kälte, die Einsamkeit.

18.8.20

"Kulturelles Gedächtnis" (Adler / Assmann)

 Jeremy Adler hat in der "Welt" vom 20. Juni 2020 eine präzise und konzise Kritik der Theorie des "kulturellen Gedächtnisses" vorgelegt, die in den letzten Jahrzehnten von Jan und Aleida Assmann vertreten wurde und die kulturwissenschaftliche sowie mehr noch die feuilletonistische Diskussion stark beeinflusst hat - nicht unbedingt zu deren Vorteil.

In jüngster Zeit feiert das Studium des Gedächtnisses Konjunktur. Wie schon oft bemerkt wurde, ist es geradezu zur Obsession mancher Wissenschaftler geworden. Dazu gehört auch das zuerst von den Konstanzer Gelehrten Jan und Aleida Assmann beschriebene Phänomen des "kulturellen Gedächtnisses", demzufolge Geschichte nicht als solche dargestellt wird, sondern durch die Erinnerung an ein Geschehen, wie es sich in Riten, Denkmälern und sozialen Praktiken des Handelns offenbart. Die deutsche Debatte um Erinnerungskultur der vergangenen zehn Jahre wäre ohne die Assmanns nicht denkbar gewesen. 

Der Begriff des "kulturellen Gedächtnisses" der Assmanns leitet sich von dem ab, was Maurice Halbwachs in "Les cadres sociaux de la mémoire" (1925, Deutsch: "Das Gedächtnis und seine sozialen Bedingungen") das "kollektive Gedächtnis" nannte: "Kein Gedächtnis ist möglich außerhalb des Rahmens welche die Menschen, die in einer Gesellschaft leben, verwenden, um ihre Erinnerungen zu bestimmen und abzurufen".

Halbwachs ist sich gewiss, dass es sich um ein soziales, von der Soziologie zu erfassendes Phänomen handelt. Er meint, im Gegensatz zum individuellen Gedächtnis operiere die kollektive Erinnerung mit einem komplexen Gebilde von Texten und Institutionen, von Menschen und Ideen. Er untersucht besonders das christliche oder, wie er es nennt, das religiöse Gedächtnis, das vor allem auf Geboten, Dogmen und Riten beruht.

Die Assmanns wollen ihr Konzept gegen Halbwachs abgrenzen, doch wirkt ihre Demarkation oft wenig stichhaltig. Für Aleida Assmann ist das kulturelle Gedächtnis "die Tradition in uns, die über Generationen, in jahrhunderte-, ja teilweise jahrtausende-langer Wiederholung gehärteten Texte, Bilder und Riten, die unser Zeit- und Geschichtsbewusstsein, unser Selbst- und Weltbild prägen." Das Problem an dieser Definition ist jedoch die Frage, was mit der "Tradition in uns" gemeint ist. Wer ist dieses "wir"? Wie kann eine Tradition "in" uns sein, da sie doch erst durch die Beziehung zwischen den Generationen entsteht. 

Ferner behaupten die Assmanns, das "kulturelle Gedächtnis" sei eine "Tradition", erklären aber nicht, inwiefern ein Gedächtnis sich von einer Tradition unterscheidet. Dieses Gedächtnis habe die Eigenschaft, die gesamte Lebenswelt des Menschen zu bestimmen - "Zeit- und Geschichtsbewusstsein, unser Selbst- und Weltbild". Das widerspricht der Auffassung von Halbwachs insofern, als es das Gedächtnis von seinem sozialen Rahmen - und damit von jeglicher Wirklichkeit - loslöst und verselbständigt.

Das "Gedächtnis" im Assmannschen Modell stellt die Ursache sämtlicher menschlicher Betätigungen dar, es wirkt wie eine Totalerklärung. Alles, was gemeinhin Religion und Mythologie, Philosophie und Wissenschaft, Literatur und Kunst, Ethik und Recht ermöglichten, soll nun das "kulturelle Gedächtnis" leisten; es ist das einzige Erklärungsprinzip. Das bedeutet aber, die Wissenschaft im Irrationalen zu grundieren, alles bleibt im Reich der Behauptungen. Das Assmannsche Geschichtsbild läuft auf eine Substanzialisierung einzelner Völker oder Religionen hinaus - etwa "Juden", "Christen" oder "Muslime", das Soziale, das für Halbwachs grundlegend war, entfällt.

25.9.19

Strafe mich nicht in deinem Zorn - Eine Predigt über Psalm 6

Psalm 6

GOTT, strafe mich nicht in deinem Zorn und züchtige mich nicht in deinem Grimm. Sei mir gnädig, GOTT, denn ich verschmachte, heile mich, GOTT, denn meine Gebeine sind erschrocken. Tief erschrocken ist meine Seele. Du aber, GOTT, wie lange? Kehre wieder, GOTT, errette mein Leben, hilf mir um deiner Gnade willen. Denn im Tod gedenkt man deiner nicht, wer wird im Totenreich dich preisen? Ich bin erschöpft von meinem Seufzen, ich tränke jede Nacht mein Bett, mit meinen Tränen überschwemme ich mein Lager. Schwach geworden ist mein Auge vor Gram, matt geworden von allen, die mich bedrängen. Weicht von mir, ihr Übeltäter alle, denn GOTT hat mein lautes Weinen gehört. GOTT hat mein Flehen gehört, GOTT nimmt mein Gebet an. Es werden zuschanden, es erschrecken alle meine Feinde, sie werden zurückweichen, werden zuschanden im Nu.

Der Sprecher dieses Psalms klagt über eine ganze Reihe von Leiden: Er ist anscheinend krank, und zwar körperlich und seelisch: „Ich verschmachte ... meine Gebeine sind erschrocken ... tief erschrocken ist meine Seele.“ Deshalb bittet er Gott: „Heile mich! ... Kehre wieder! ... Errette mein Leben! ... Hilf mir um deiner Gnade willen!“ Er sieht sich schon an der Schwelle des Todes. Deshalb ist es seiner Meinung nach so dringlich, dass Gott ihm hilft und ihn vor dem Tod rettet. Denn wenn er tot ist, kann er Gott nicht mehr loben und preisen. Als Toter kann er nicht einmal mehr an Gott denken. Hätte Gott nicht mehr davon, wenn er den Bittsteller rettet und dafür gelobt wird? (Ein Gedanke, der für uns vielleicht etwas befremdlich ist.) Aber auch jetzt schon, in seiner Krankheit, kann der Sprecher Gott nicht preisen. Dafür ist er viel zu schwach: „Ich bin erschöpft von meinem Seufzen. Ich tränke jede Nacht mein Bett, mit meinen Tränen überschwemme ich mein Lager. Mein Auge ist schwach geworden vor Kummer.“

Neben der Krankheit leidet der Sprecher des Psalms offenbar auch unter Menschen, die ihm feindselig gesonnen sind und ihn bedrängen. Am Ende des Psalms hat man fast den Eindruck, dass der Sprecher seine Krankheit ganz vergessen hat, denn er spricht nur noch von seinen Feinden, die er als Übeltäter tituliert: „Ich bin matt geworden von allen, die mich bedrängen. Weicht von mir, ihr Übeltäter alle, denn GOTT hat mein lautes Weinen gehört. GOTT hat mein Flehen gehört, GOTT nimmt mein Gebet an. Es werden zuschanden, es erschrecken alle meine Feinde, sie werden zurückweichen, werden zuschanden im Nu.“

Krankheit und Feinde sind Probleme, die auch sonst in den Klagepsalmen oft angesprochen werden. Beides hat die Menschen damals anscheinend weit mehr bedrängt als es bei uns heute der Fall ist. Wir können heute Schmerzen mit Medikamenten lindern und viele Krankheiten problemlos heilen denen die Menschen damals hilflos ausgeliefert waren. Eine Grippe, eine Lebensmittelvergiftung, eine Blinddarmentzündung, eine verschmutzte Wunde, ein Arm- oder Beinbruch, so etwas konnte einen Menschen damals umbringen oder zum Invaliden machen.

In den Dörfern, und kleinen Städten, in denen fast alle Menschen von Ackerbau und Viehzucht lebten, konnte es schnell zu Streitigkeiten zwischen Nachbarn kommen: Dein Vieh hat von meiner Weide gefressen. Deine Kuh, auf die Du nicht aufgepasst hat, hat meinen Garten zertrampelt oder sogar mein Kind getötet. Du machst meiner Frau schöne Augen. Dein Sohn hat meine Tochter verführt. Du hast bei unseren Nachbarn Lügen über mich verbreitet. Konflikte zwischen Nachbarn konnten leicht eskalieren. Es gab keine Polizei, die man zur Hilfe rufen konnte.

Vielleicht nennt unser Psalm Krankheit und Feinde nebeneinander, damit sich möglichst viele Leser oder Hörer in diesem Gebet wiederfinden konnten. Vielleicht ist der Gedanke aber auch, dass Krankheit - körperlich oder seelisch - oft Aggressionen bei den Mitmenschen eines Kranken auslöst. Sie müssen die Arbeiten übernehmen, die der oder die Kranke sonst erledigen würde. Sie müssen ihn oder sie pflegen und versorgen. Und sie müssen sich die ständigen Klagen und das dauernde Gejammer anhören. Da kann es schon passieren, dass das anfängliche Mitleid mit der Zeit in Ärger oder sogar in offene Feindseligkeit umschlägt.

Neben Krankheit und Feinden scheint den Sprecher unseres Psalms aber noch etwas weiteres zu bedrücken: Er betrachtet sein ganzes Unglück als eine Strafe und Zurechtweisung durch Gott. Deshalb bittet er Gott: „Strafe mich nicht in deinem Zorn und züchtige mich nicht in deinem Grimm. Sei mir gnädig ...“ Dabei bezeichnen die Ausdrücke für „strafen“ und „züchtigen“ im Hebräischen weniger eine Strafe im juristischen Sinne, sondern eher Erziehungsmassnahmen, zu denen damals selbstverständlich auch noch das „züchtigen“ gehörte.

In vielen Psalmen beklagt sich der Sprecher darüber, dass ihm Unrecht widerfahren ist, obwohl er unschuldig ist und keine gravierenden Fehler gemacht hat in seinem Leben. Das setzt voraus, dass Unglück normalerweise die Strafe dafür ist, dass jemand etwas unrechtes getan hat. Wer nichts unrechtes getan hat, den oder die sollte eigentlich auch kein Unglück treffen.

Der Sprecher unseres Psalms protestiert nicht dagegen, dass Gott ihn mit Unglück bestraft und züchtigt. Er bittet Gott nur, ihn nicht in seinem Zorn zu strafen und in seinem Grimm zu züchtigen, ihn also nicht hart zu bestrafen, sondern gnädig und gütig. Entweder hat der Sprecher schon vorher gewusst, dass er etwas falsch gemacht hat, oder sein Unglück hat es ihm bewusst gemacht. Er steht zu seiner Schuld und akzeptiert, dass er dafür bestraft wird. Er bittet nur um eine gnädige Strafe, die ihn nicht umbringt, sondern ihn wieder ins Leben zurück führt.

Wenn ich auf mein Leben zurück schaue, kommen mir durchaus Zeiten und Situationen in den Sinn, in denen ich micht ähnlich gefühlt habe wie der Sprecher dieses Psalms, in denen es mir verdientermassen schlecht ging, in denen Unglück und Leid für mich ein Anstoss waren, darüber nachzudenken, was ich in meinem Leben falsch gemacht habe und wie ich es besser machen könnte, und in denen mir klar war, dass ich das aus eigener Kraft nicht schaffen würde, sondern nur mit Gottes gnädiger Hilfe. Vielleicht geht es Ihnen ähnlich.

Der Gedanke, dass Unglück und Leid eine Strafe Gottes sein können, durch die wir herausgefordert werden, uns kritisch zu prüfen, Fehler zu erkennen und zu versuchen, uns zu bessern, der Gedanke, dass Gott uns durch Unglück und Leid erziehen, belehren und den Weg in ein neues Leben zeigen will, dieser Gedanke hat durchaus etwas für sich. Er kann uns helfen, im Unglück nicht zu verzweifeln und zu versinken, sondern daraus zu lernen und gestärkt und verwandelt daraus hervorzugehen.

Der Gedanke, dass Unglück und Leid eine Strafe Gottes sind, kann uns aber auch den Blick für die Wirklichkeit verstellen und uns in unserer Lieblosigkeit und Rücksichtslosigkeit bestärken, vor allem dann, wenn wir diesen Gedanken nicht zur Selbstkritik einsetzen, sondern zur Kritik anderer Menschen. Da bekommt der Nachbar mit 50 einen Herzinfarkt: Selber schuld! Warum hat er auch immer so viel gearbeitet, so fett gegessen und keinen Sport getrieben? Das musste ja so kommen. Und jetzt soll ich - via Krankenkasse - auch noch mit-bezahlen für seine Behandlung? Ist das nicht ungerecht? Müsste man Leuten, die so ungesund leben, nicht höhere Prämien abverlangen? Besonders im Gesundheitsbereich wird heute oft so getan, als könne man, wenn man nur alles richtig macht, sein Leben lang von Krankheiten verschont bleiben. (Und dann sind mit sechzig die Gelenke kaputt vom vielen Joggen: Selber schuld!) Aber auch in anderen Bereichen machen wir es uns oft einfach, indem wir so tun, als seien die Menschen für ihr Unglück selbst verantwortlich, ob arbeitslos oder invalid, ob Flüchtling oder Strafgefangener: Selber schuld! Kürzlich habe ich in einem Magazin gelesen: Wer wirklich will und sich ein bisschen Anstrengt, der kann mit 40 Millionär sein. Sie sind kein Millionär? Selber schuld!

Das kann natürlich nicht stimmen. Und das merken wir nicht erst heute. Das haben die Menschen in der Bibel auch schon gewusst. Denken wir nur an Hiob, den Superreichen und Superfrommen, dem Gott sein Hab und Gut, seine Familie und seine Gesundheit wegnimmt, der im Staub und in der Asche draussen vor der Stadt sitzt und dem seine Freunde vorwerfen, dass er sagt: Ich habe doch nichts verbrochen! Ich habe das nicht verdient! Genauso wenig wie all die armen und elenden Menschen, die am Rand der Gesellschaft leben (oder heute in den „unentwickelten“ Ländern), die den Reichen die Toiletten putzen, den Kaffee pflücken und die Hemden nähen und dabei selbst kaum über die Runden kommen, deren Kinder an einer simplen Infektion sterben, weil es keine erschwinglichen Medikamente gibt. Die haben das auch nicht verdient. Mag sein, dass die Reichen nicht schuld sind am Elend der Armen. Aber sie werden schuldig, wenn sie es mit einem Achselzucken quittieren und nichts dagegen tun. So redet Hiob - und am Ende gibt Gott ihm Recht und die frommen Freunde müssen einsehen, dass sie Unrecht hatten.

Die Gleichung: „Unglück = Strafe für Unrecht“, die geht nicht auf. Diese Einsicht wird unausweichlich, wenn wir uns an Jesus von Nazaret erinnern, nach dem wir uns Christen nennen. Er wurde angefeindet und verspottet, am Ende haben sie ihn gefoltert und umgebracht. Aber das war nicht so, weil er Unrecht getan hatte und dafür bestraft wurde. Jesus hat gelitten und ist gestorben, weil er recht hatte. Viele Menschen konnten das damals nicht begreifen, und viele können es heute noch nicht. „Steig herunter vom Kreuz!“ haben sie ihm zugerufen. „Dann sehen wir, dass du nicht von Gott bestraft wirst.“ Aber Jesus ist nicht vom Kreuz herunter gestiegen.

Mit Jesus am Kreuz ist ein Bild Gottes gestorben, das schon im Alten Testament, bei Hiob und auch in anderen Schriften, als hoch problematisch erkannt worden war: das Bild Gottes als himmlischer Richter oder Erzieher, der die Menschen mit Unglück und Leid bestraft und züchtigt, wenn sie etwas falsch gemacht haben. Jesus hat den Menschen andere Bilder von Gott vor Augen gestellt: Gott lässt es regnen und die Sonne scheinen über Gerechte und Ungerechte, über gute und schlechte Menschen. Gott geht den Menschen nach, wenn sie auf Abwege geraten, so wie ein Hirt seinen Schafen, und bringt sie zurück auf den richtigen Weg. Gott freut sich, wenn ein Mensch, der für die gute Sache verloren schien, sich besinnt und auf den rechten Weg zurückkehrt. Gott zahlt jedem den Mindestlohn, den er zum überleben braucht, ob er nun einen Tag, ein paar Stunden oder nur eine Stunde gearbeitet hat. Gott bringt die Menschen zur Besinnung und Umkehr, indem er ihnen ihre Schuld vergibt, nicht indem er sie dafür bestraft.

Der Gott, von dem Jesus gesprochen hat, ist kein Gott der Willkür, wie es manche Götter des alten Orients und der Antike waren, die manchmal einfach aus Willkür oder schlechter Laune heraus einen Menschen, ein Volk oder die ganze Menschheit ins Unglück stürzten. Gott ist aber auch nicht - wie in grossen Teilen des Alten Testaments - ein Gott der Moral und der Gerechtigkeit, der die Guten mit Wohlstand und Glück belohnt und die Bösen mit Unglück und Krankheit bestraft, und der dafür sorgt, dass es jedem genau so ergeht, wie er es verdient hat - sei es hier auf Erden oder dann im Jenseits. Der Gott, von dem Jesus gesprochen hat, ist kein Gott der Willkür und kein Gott der Moral, sondern ein Gott der Liebe und der Freiheit, ja, man kann sagen: Gott ist der Geist der Liebe und der Freiheit, der die Welt und die Menschen durchdringt und erfüllt.

Er hilft den Menschen, zu erkennen, was gut ist und was böse, und jeweils das zu tun, was richtig und nötig ist - so wie der „barmherzige Samariter“, der sieht: Da liegt ein Mensch verletzt am Weg, und der ihm hilft, ohne lange zu überlegen. Die Liebe, der wir unser Leben verdanken und die uns am Leben erhält, befreit uns von der Angst, dass Gott uns für unsere Sünden und Fehler bestraft. Die Liebe, in der wir uns mit allen Menschen und mit der ganzen Schöpfung verbunden wissen, befreit uns von der Fixierung auf unser eigenes Glück oder Unglück. Sie befreit uns auch dazu, unsere Fehler und unsere Schuld zu erkennen, dazu zu stehen und es künftig besser zu machen - und zwar nicht nur dann, wenn es uns schlecht geht, sondern auch und gerade dann, wenn es uns gut geht.

Können wir als Christen, für die Gott der Geist der Liebe und der Freiheit ist, den alttestamentlichen Psalm nachsprechen und Gott bitten: „Strafe mich nicht in deinem Zorn und züchtige mich nicht in deinem Grimm“? Ich weiss keine einfache Antwort auf diese Frage. Auf der einen Seite fällt es mir nach allem, was uns Jesus gezeigt hat, nicht so leicht, mir Gott als jemanden vorzustellen, der Menschen in seinem Zorn straft und züchtigt, indem er ihnen Krankheiten und Feinde schickt. Auf der anderen Seite müssen Liebe und Zorn vielleicht auch nicht unbedingt einander widersprechen. Wenn ich einen Menschen liebe, kann es mich gerade deshalb zornig und wütend machen, wenn ich sehe, wie dieser Mensch in sein Unglück rennt. Und wir erziehen unsere Kinder, weil wir sie lieben - auch wenn wir heutzutage auf Schläge und Strafen weitgehend verzichten. So kann ich mich auch als Christ in die Psalmen des Alten Testaments hineindenken und mich zum Teil in ihnen wiedererkennen. Ich möchte mich aber nicht gerne dazu drängen lassen, mir alles, was in den Psalmen steht, auch als Gebet zu eigen zu machen.

Ich habe einmal versucht, mich von dem biblischen Psalm zu eigenen Gedanken inspirieren zu lassen. Ich lese zuerst den Psalm und dann meine Gedanken dazu - vielleicht regt Sie das an, den Psalm zu Hause noch einmal zu lesen und Ihre eigene Version aufzuschreiben.

Psalm 6

GOTT, strafe mich nicht in deinem Zorn und züchtige mich nicht in deinem Grimm. Sei mir gnädig, GOTT, denn ich verschmachte, heile mich, GOTT, denn meine Gebeine sind erschrocken. Tief erschrocken ist meine Seele. Du aber, HERR, wie lange? Kehre wieder, GOTT, errette mein Leben, hilf mir um deiner Gnade willen. Denn im Tod gedenkt man deiner nicht, wer wird im Totenreich dich preisen? Ich bin erschöpft von meinem Seufzen, ich tränke jede Nacht mein Bett, mit meinen Tränen überschwemme ich mein Lager. Schwach geworden ist mein Auge vor Gram, matt geworden von allen, die mich bedrängen. Weicht von mir, ihr Übeltäter alle, denn GOTT hat mein lautes Weinen gehört. GOTT hat mein Flehen gehört, GOTT nimmt mein Gebet an. Es werden zuschanden, es erschrecken alle meine Feinde, sie werden zurückweichen, werden zuschanden im Nu.

Ich möchte in meinem Leben nie aufhören, dazu zu lernen. Ich möchte immer wieder erkennen, was ich falsch mache und was ich besser machen kann, auch wenn das weh tut. Und ich möchte das dann auch in meinem Leben umsetzen können. Ich kann das nicht alleine. Ich bin angewiesen auf Kritik und auf Unterstützung.

Ich möchte lernen, in Krankheit und Leid die Hoffnung nicht aufzugeben, dass es mir wieder besser gehen kann. Ich möchte auch erkennen, wo mich Krankheit, Unglück und Leid darauf hinweisen, dass in meinem Leben etwas nicht in Ordnung ist. Ich möchte lernen, Krankheit und Unglück zu ertragen, wo es nicht zu vermeiden ist, dabei aber dem Leben zugewandt bleiben und offen dafür, Liebe zu empfangen und Liebe zu geben, solange ich noch nicht tot bin.

Ich wünsche mir, mit meinen Mitmenschen in Frieden zu leben und mich mit meinen Feinden zu versöhnen. Ich wünsche mir, dass der Ungeist des Neids, der Konkurrenz und der Feinschaft überwunden wird durch den Geist der Liebe und der Freiheit.

21.8.19

Freiheit und ihre Grenzen

Die Grenze meiner Freiheit ist die Freiheit meines Nächsten.

Die Grenze der Freiheit meines Nächsten ist meine Freiheit.

Wo liegt diese Grenze?