7.5.17

Was Gott verbunden hat ...

Gedanken zu Markus 10,2-9

2 (Einmal) kamen Pharisäer zu (Jesus) und fragten: Darf ein Mann seine Frau aus der Ehe entlassen? Damit wollten sie ihm eine Falle stellen. 3 Er antwortete ihnen: Was hat euch Mose vorgeschrieben? 4 Sie sagten: Mose hat erlaubt, eine Scheidungsurkunde auszustellen und (die Frau) aus der Ehe zu entlassen. 5 Jesus entgegnete ihnen: Nur weil ihr so hartherzig seid, hat er euch dieses Gebot gegeben. 6 Am Anfang der Schöpfung aber hat Gott sie als Mann und Frau geschaffen. 7 Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen, 8 und die zwei werden ein Fleisch sein. Sie sind also nicht mehr zwei, sondern eins. 9 Was aber Gott verbunden hat, das soll der Mensch nicht trennen. (Einheitsübersetzung)

Dieser Text klingt heute wie eine Botschaft aus einer anderen, längst vergangenen Welt.

In der Schweiz werden heute von 100 geschlossenen Ehen mehr als 41 wieder geschieden (im Jahr 2000 waren es noch knapp 26, um 1900 etwa 5). Bei der Scheidung sind Paare heutzutage im Durchschnitt circa 15 Jahre verheiratet. Nur noch etwas mehr als die Hälfte der Ehepaare bleibt heute noch zusammen, bis der Tod sie scheidet.

Wie passt das, was Jesus über die Ehe und die Ehescheidung gesagt hat, in unsere heutige Zeit?

Wir lesen die Bibel heute nicht mehr als Wort Gottes, das zu allen Zeiten ohne Diskussion befolgt werden muss. Wir lesen die Bibel als eine Zusammenstellung von Geschichten und Gedanken, die für die ersten Christen wichtig waren und in denen sie Orientierung für ihr Leben und Zusammenleben gefunden haben.

Die Texte der Bibel sind Produkte ihrer Zeit und für ihre Zeit geschrieben. Sie wurden von den ersten Christen und der späteren Christenheit weiter überliefert, weil sie davon überzeugt waren, dass sie auch für spätere Zeiten interessant und wegweisend sein könnten.

In diesem Sinne lesen wir heute die Bibel ohne den Druck, alles gut finden zu müssen, was darin steht. Wir können und müssen uns kritisch mit der Bibel auseinandersetzen. Wir sollten uns aber auch selbst von der Bibel kritisch in Frage stellen lassen. Wir wissen heute manches besser als die Verfasser der Bibel. Das schliesst aber nicht aus, dass wir vor manchen Erfahrungen und Fragen immer noch genau so ratlos stehen wie die biblischen Autoren und dass wir vielleicht sogar in manchen Punkten auch hinter Einsichten zurückgefallen sind, die in der Bibel schon einmal klar formuliert und festgehalten wurden.

In unserem Predigttext geht Jesus selbst übrigens genau so kritisch mit der Bibel um, die damals im Judentum in Geltung stand. Dort stand im Buch Deuteronomium (5. Mose), Kapitel 24, etwa das Folgende geschrieben:

"Wenn ein Mann eine Frau nimmt und sie heiratet und sie ihm später nicht mehr gefällt, weil er etwas Schändliches an ihr gefunden hat, kann er ihr einen Scheidebrief schreiben und aushändigen und sie so aus seinem Haus verstossen."

Was genau als "etwas Schändliches" galt, sagt der Text nicht, und auch nicht, was in einem "Scheidebrief" zu stehen hatte.

Nach dem Schulchan Aruch, einer von dem Rabbiner Josef Karo im 16. Jahrhundert verfassten Zusammenstellung der religiösen Vorschriften (Halachot) des Judentums, hatte ein Scheidebrief (hebr. get) etwa folgenden Inhalt (in Auszügen):

"Ich (der Ehemann) stimme bereitwillig zu und stehe unter keinerlei Zwang, meine Frau zu entlassen, für frei zu erklären und von mir abzusondern ..., damit du die Erlaubnis und Vollmacht hast, zu gehen und einen Mann deiner Wahl zu heiraten. Kein Mensch kann dich von diesem Tag an daran hindern, dass du für jeden Mann erlaubt bist. Dies sei für dich ein Zeugnis der Entlassung, ein Brief der Freilassung und eine Urkunde der Freiheit im Einklang mit dem Gesetz Moses und Israels." (Plaut S. 265)

Das klingt ein wenig wie wenn heute Menschen ihre Arbeitsstelle gekündigt wird und das als "Freistellung" bezeichnet wird: Sie dürfen sich nun neuen Herausforderungen stellen (von denen die erste ist, dass niemand Sie in Ihrem Alter einstellen wird).

Wenn Jesus die Ehescheidung kritisiert, widerspricht er also ausdrücklich der damals gültigen Bibel und den darin enthaltenen Gesetzen, die damals als Gebote Gottes galten, die Mose einst am Sinai und in der Wüste den Israeliten übermittelt hatte.

Jesus bestreitet nicht, dass Mose es den Israeliten erlaubt hat, sich unter bestimmten Umständen von ihren Frauen zu trennen. Er sagt: "Nur weil ihr so hartherzig seid, hat er euch dieses Gebot gegeben." Eigentlich hat Gott nicht gewollt, dass Ehepaare sich trennen.

Wie Gott sich die Ehe eigentlich vorgestellt hat, entnimmt Jesus den beiden ersten Kapiteln der Bibel, die er kurz so zusammenfasst: "Am Anfang der Schöpfung hat Gott sie als Mann und Frau geschaffen. Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen, und die zwei werden ein Fleisch sein. Sie sind also nicht mehr zwei, sondern eins." Daraus zieht Jesus den Schluss: "Was Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen."

Wir können heute die Schöpfungserzählungen vom Anfang der Bibel nicht mehr so wörtlich nehmen. Nach allem, was wir heute wissen, ist die Welt nicht so entstanden, wie es dort dargestellt wird. Aber darauf kommt es hier gar nicht an. Für die Argumentation von Jesus sind zwei Gedanken aus der biblischen Schöpfungsgeschichte wichtig, deren Wahrheit nicht davon abhängt, ob die Schöpfungsgeschichte wahr ist, sondern davon, ob diese Gedanken mit unseren eigenen Erfahrung übereinstimmen.

Der eine Gedanke ist dieser: Der Sinn der Ehe ist eine Lebensgemeinschaft zweier Menschen, die sie so eng miteinander verbindet, dass das Leben von beiden zu einem gemeinsamen Leben verschmilzt, bildlich gesprochen: dass sie "ein Fleisch" werden.

Der zweite Gedanke, den Jesus der Schöpfungsgeschichte entnimmt, ist der Folgende: Wenn zwei Menschen sich in der Ehe miteinander verbinden, ist das mehr als nur eine Übereinkunft zwischen diesen beiden Menschen. Nicht diese beiden Menschen haben sich zusammengetan, sondern Gott hat sie miteinander verbunden.

Ich möchte diesen beiden Gedanken ein wenig weiter nachgehen und dabei gleich im voraus festhalten, dass sie meiner Meinung nach für eine Ehe zwischen zwei Männern oder zwei Frauen genau so gelten wie für eine Ehe zwischen einem Mann und einer Frau.

Zunächst also zum ersten Gedanken: In der Ehe verbinden sich zwei Menschen so eng miteinander, dass sie zu "einem Fleisch" werden, also nicht mehr zwei Leben führen, sondern nur noch ein gemeinsames Leben. Ist das so? Oder wäre es zumindest schön, wenn es so wäre?

Ich könnte mir vorstellen, dass schon wir hier in dieser Kirche uns darüber nicht einig sind. Ist eine so enge Lebensgemeinschaft in der Ehe überhaupt erstrebenswert? Sollte man sich nicht mindestens auch gegenseitig Freiräume zugestehen, in denen jeder sein eigenes Leben führen kann, ohne dass der oder die andere einem da hineinredet, vielleicht sogar ohne dass man alles voneinander weiss? Wird eine Ehe sonst nicht zu einem Gefängnis?

Aber ist es wirklich so, dass ich v.a. Freiheit verliere, wenn ich mich in Liebe mit einem anderen Menschen verbinde? Ist es nicht eher so, dass ich dabei ganz neue Freiheiten gewinne? Klar, ich kann nicht mehr allein über mein Leben bestimmen. Ich muss nicht nur für mich sorgen, sondern auch für meinen Partner oder meine Partnerin. Aber ich muss auch nicht mehr allein mit den Schwierigkeiten des Lebens fertig werden und kann meine Freude und mein Glück mit jemand anderem teilen.

Kohelet, der "Prediger Salomo" hat die Vorteile eines gemeinsamen Lebens gegenüber dem Alleinsein prägnant zusammengefasst - wobei er nicht nur die Ehe im Auge hat, sondern auch andere Partnerschaften oder Genossenschaften:

"Zwei haben es besser als einer allein, denn sie haben einen guten Lohn für ihre Mühe. Wenn sie fallen, kann der eine seinem Gefährten aufhelfen. Doch wehe dem, der allein ist und fällt, und keiner ist da, der ihm aufhelfen kann. Auch ist zweien warm, wenn sie sich schlafen legen. Doch einer allein, wie kann ihm warm werden? Und wenn einer den überwältigt, der allein ist, so halten die zwei jenem stand. Und der dreifache Faden zerreisst nicht so bald." (Koh 4)

Je enger zwei Menschen miteinander verbunden sind, desto mehr können sie aufeinander vertrauen, sich aufeinander verlassen. Wenn aus zwei Menschen "ein Fleisch" wird, wenn zwei Leben zu einem verschmelzen, dann muss man sich nicht ständig fragen: Genüge ich noch den Ansprüchen des anderen? Bin ich ihm oder ihr noch schön genug oder jung genug? Und man fragt auch umgekehrt nicht mehr ständig, ob einem der oder die andere noch Recht ist. Man gehört einfach zusammen.

Das heisst nicht, dass man sich nicht ändern und weiter entwickeln darf und dass man sich nichts voneinander wünschen darf oder sich gegenseitig nicht kritisieren darf. Bei all dem steht aber nicht dauernd zur Diskussion, ob man weiter miteinander leben will oder nicht. Darauf kann man bauen und darauf kann man vertrauen, in guten wie in schlechten Zeiten.

Niemand muss eine solch enge Beziehung eingehen. Und eine solche Beziehung kann auch scheitern. Wenn man aber von vornherein das Scheitern einkalkuliert und sich die Scheidung als Notausgang offen hält, dann kann die Gemeinschaft zweier Menschen in der Ehe überhaupt nicht die Dichte und die Tiefe erreichen, in der aus zwei Leben eines wird, aus zwei Menschen "ein Fleisch".

Wer das Risiko der radikalen Hingabe an einen anderen Menschen scheut, der kann allzu grosse Enttäuschungen vermeiden. Er oder sie wird aber auch das Glück nicht erleben, das es in einer solchen Lebensgemeinschaft geben kann, die auf absoluter und bedingungsloser Treue und Verlässlichkeit basiert. Es ist etwas ganz anderes, ob man einander verspricht, in guten und in schlechten Zeiten füreinander dazusein, "solange es gut geht" oder "bis der Tod uns scheidet".

Auch das ist keine Garantie dafür, dass eine Ehe hält - aber soll man ein Ziel von vornherein aufgeben, nur weil man es vielleicht nicht erreichen kann?

Das ist also der eine Gedanke, den Jesus der Schöpfungsgeschichte entnommen hat, und der ihn dazu bewogen hat, sich dafür auszusprechen, dass Ehen eigentlich nicht geschieden werden sollten: Der Sinn der Ehe ist eine Lebensgemeinschaft zweier Menschen, die sie so eng miteinander verbindet, dass das Leben von beiden zu einem gemeinsamen Leben verschmilzt, bildlich gesprochen: das sie "ein Fleisch" werden. Wenn ein Ehepaar von vornherein mit der Möglichkeit rechnet, sich wieder zu trennen, kann es sich damit selbst das Glück verbauen, das in einer engen Lebensgemeinschaft mit absolutem gegenseitigen Vertrauen und unbedingter Treue zueinander besteht.

Der zweite Gedanke, den Jesus der Schöpfungsgeschichte entnimmt, ist der Folgende: Wenn zwei Menschen sich in der Ehe miteinander verbinden, ist das mehr als nur eine Übereinkunft zwischen diesen beiden Menschen. Nicht diese beiden Menschen haben sich zusammengetan, sondern Gott hat sie miteinander verbunden.

In der biblischen Zeit wurden Ehen wohl meistens von den Eltern des Ehepaars arrangiert. Das schliesst aber nicht aus, dass auch die - üblicherweise noch recht junge - Braut und der Bräutigam dabei ein Wörtchen mitzureden hatten. Heute gilt es weitherum als Ideal, dass zwei Menschen heiraten, wenn und weil sie sich lieben.

Es gibt aber auch ein Sprichwort, nach dem Ehen im Himmel geschlossen werden. Im alttestamentlichen Buch Tobit wird erzählt, wie Gott verborgen im Hintergrund die Ehe zwischen Tobias und Sara eingefädelt hat.

Ich finde es ein wenig gewagt, für jede Ehe Gott verantwortlich zu machen. Aber ich kann dem Gedanken, dass es letztlich Gott ist, der Menschen in der Ehe miteinander verbindet, einiges abgewinnen.

Wir sprechen heute von "Partnersuche" und "Partnerwahl". Aber wenn man einen Menschen findet, den man so sehr liebt, dass man nicht mehr ohne ihn oder sie leben will, dann ist da doch noch mehr im Spiel als die vernünftige Abwägung, ob ein Mensch meinen Wunschvorstellungen eines idealen Lebenspartners oder einer idealen Lebenspartnerin gerecht wird.

Die Liebe, die zwei Menschen zu einem Ehepaar verbindet und sie als Ehepaar ein Leben lang zusammenhält, ist nicht das Ergebnis vernünftiger Überlegungen. Liebe überkommt die Menschen, ergreift sie, führt sie zueinander und verbindet sie miteinander. Liebe ist nicht ein Produkt der Menschen, sondern Liebe ist ein Geschenk an die Menschen. Liebe verbindet Menschen miteinander. Und wenn Gott die Liebe ist, wie es im Neue Testament heisst, dann ist es Gott, der die Menschen in Liebe miteinander verbindet.

Wer sich für diese Erfahrung öffnet, für den ist die Ehe mehr als ein Zweckbündnis oder eine Partnerschaft zwischen Menschen, die ähnliche Interessen, ähnliche Vorlieben und einen ähnlichen Geschmack haben, so dass sie sich beim Zusammenleben möglichst wenig gegenseitig auf die Nerven gehen.

Eine Ehe kann mehr sein als eine Wohngemeinschaft, bei der man sich auch noch das Bett teilt. Eine Ehe kann auch die Gemeinschaft von zwei Menschen sein, die sich gegenseitig als Geschenk betrachten, als einen kostbaren Schatz, der ihnen von Gott anvertraut ist und für den sie Verantwortung übenehmen, in guten und schlechten Zeiten, bis der Tod sie scheidet.

Auch eine solche Ehe kann scheitern, weil sich einer der beiden oder beide zu wenig Mühe geben oder weil einer der Aufgabe nicht gewachsen ist, für den anderen auch in schweren Zeiten da zu sein. Aber die Möglichkeit des Scheiterns ist kein Grund, von vornherein nichts zu wagen, sich nicht von der Liebe mit einem anderen Menschen verbinden zu lassen und in Liebe für diesen Menschen da zu sein - und darin ein Geschenk zu sehen und nicht eine lästige Pflicht.

Was Gott verbunden hat, das soll der Mensch nicht trennen. Das gilt meiner Meinung nach nicht nur für die Ehe, sondern auch für viele andere Beziehungen zwischen Menschen. Viele, vielleicht sogar die meisten Beziehungen zu anderen Menschen haben wir uns nicht ausgesucht. Wir sind irgendwie da hinein geraten: unsere Eltern, unsere Geschwister, unsere Kinder, unsere Schul- und Arbeitskollegen, unsere Landsleute, die Menschen, mit denen wir hier gemeinsam in der Kirche sitzen ...

Manche dieser Beziehungen empfinden wir als ein grosses Geschenk, manche sind uns eher lästig, in manchen sind wir für andere Menschen verantwortlich, ohne dass wir uns das ausgesucht haben. Es kann passieren, dass wir unser eigenes Leben radikal ändern müssen, weil z.B. ein Familienangehöriger schwer erkrankt und auf unsere Hilfe angewiesen ist.

Wir können uns dem nicht einfach entziehen und uns trennen von Menschen, mit denen Gott uns verbunden hat. Und wir können nur hoffen, dass die Menschen, mit denen wir verbunden sind, das genau so sehen, wenn wir plötzlich auf sie angewiesen sind.

Es gehört zu den Grunderfahrungen und Grundüberzeugungen des Christentums, dass wir als Menschen und als Christen nicht für uns selbst leben, sondern für einander. "Tragt einer des anderen Last", schreibt der Apostel Paulus im Brief an die Galater (Kap. 6), "so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen." Oder im Brief an die Philipper (Kap. 2): "Seid eines Sinnes, einander verbunden in ein und derselben Liebe, einmütig und auf das eine bedacht! Tut nichts zum eigenen Vorteil, kümmert euch nicht um die Meinung der Leute. Haltet vielmehr in Demut einander in Ehren; einer achte den andern höher als sich selbst! Habt nicht das eigene Wohl im Auge, sondern jeder das des andern."

Das sind keine Aufforderungen zu einem moralischen Heroismus, sondern nüchterne Einsichten, die uns befreien von einem Egoismus, mit dem wir uns selbst überfordern und am Ende scheitern würden.

Sie kennen sicher das Sprichwort: Wenn jeder für sich selber sorgt, dann ist für alle gesorgt. Das klingt auf den ersten Blick einleuchtend, ist aber auf den zweiten Blick ziemlich zynisch. Gibt es nicht auch Menschen, die nicht für sich selber sorgen können? Ist das nicht bei allen Menschen so am Anfang ihres Lebens und bei vielen dann wieder so am Ende - ganz zu schweigen von allfälligen Krankheiten und Behinderungen dazwischen. Ich finde, die Maxime dass jeder für sich selber sorgen sollte, ist eine gnadenlose Überforderung für die meisten Menschen - und eine schamlose Heuchelei bei denen, die andere für sich arbeiten lassen und sich, wenn sie pleite gehen, auf Kosten der Allgemeinheit sanieren.

Nicht wenn jeder für sich selbst sorgt, ist für alle gesorgt, sondern wenn sich jeder um die anderen kümmert. Wer sich darauf einlässt, kann auch die Erfahrung machen, wie befreiend und beglückend es sein kann, für einen Menschen Verantwortung zu übernehmen und sich um ihn zu kümmern, den Gott - oder der Zufall - mit ihm verbunden hat, nicht nur in der Ehe, sondern auch in den zahlreichen und vielfältigen Beziehungen mit anderen Menschen, in die wir eingebunden sind. 

6.11.16

Kryokonservierung

"Ich lasse mich einfrieren. Wenn die Medizin einen Weg gefunden hat, den Menschen ewiges Leben zu verschaffen, lasse ich mich wieder auftauen."

"Ich würde mich erst wieder auftauen lassen, wenn die Medizin einen Weg gefunden hat, das ewige Leben wieder zu beenden."


29.10.16

Nocheinmal Genesis 22

Ein Professor der Universität Zürich (Konrad Schmid) schreibt dazu (http://www.nzz.ch/articleDMYQQ-1.25689):

"Hinter der Bibel stehen keine moralischen Imperative, mittels deren die Perfektion der Welt vorangetrieben werden kann, sondern Erfahrungen, die Menschen mit Gott gemacht haben. Wenn deren literarische Gestalt so vielschichtig und ambivalent ist wie diese Erfahrungen selbst, dann spricht das zunächst einmal nicht gegen, sondern für die Bibel."

"Abraham vertraut von vornherein auf den guten Ausgang des Geschehens. Auf der Reise fragt Isaak seinen Vater nach dem fehlenden Opferlamm, Abraham antwortet: «Gott wird sich das Lamm zum Opfer selbst ersehen, mein Sohn» (Vers 8). Abrahams Gehorsam gegenüber Gott, vielfach als Kadavergehorsam gescholten, ist ihm nur möglich, weil er in sein Vertrauen auf Gott eingebunden ist. Von diesem Vertrauen darauf, dass die Verheissung am Ende nicht dahinfällt, dass sie auch über ihre denkbar radikalsten Verkehrungen hinweg gültig bleibt - davon erzählt die Erzählung von der Opferung des Sohnes."

D.h.: Wenn Gott ihn nicht davon abgehalten hätte, hätte Abraham seinen Sohn Isaak umgebracht - im Vertrauen darauf, dass Gottes "Verheissung am Ende nicht dahinfällt", dass er also als Ersatz für Isaak einen anderen Sohn bekommen hätte?!

Was für "Erfahrungen, die Menschen mit Gott gemacht haben", könnten hinter so einer Geschichte stehen? Die Erfahrung, dass Gott von ihnen (oder von einem von ihnen) zunächst gefordert hat, sein Kind umzubringen, dann aber im letzten Moment dessen Tötung verhindert hat? Haben Priester so etwas im Namen Gottes gefordert? Und dann auch wieder gestoppt? Wären das dann "Erfahrungen mit Gott"?

Oder geht es allgemein um geschichtliche Erfahrungen wie den Untergang Judas 587 v.d.Z., den man so interpretieren konnte (!), dass Gott hier wieder zurück nimmt, was er den Israeliten und Judäern verheissen und gegeben hatte (ein eigenes Land, einen eigenen Herrscher)? Dass Gott einem auf diese oder ähnliche Weise etwas wegnimmt, was er einem zuvor gegeben hatte (vgl. Hiob 1), ist aber doch etwas anderes als die Forderung, ein Kind zu töten - ganz abgesehen davon, dass es auch hier Interpretationssache ist, ob man das erfahrene Unglück als von Gott bewirkt verstehen soll.

Auf jeden Fall setzen alle "Erfahrungen mit Gott", die hinter Genesis 22 stehen könnten, voraus, dass Gott das Recht hat, unter bestimmten Umständen von Menschen zu fordern, ihr Kind zu töten, und dass er frei ist, Menschen diese Kindstötung tatsächlich ausführen zu lassen oder nicht - und dass Gott von diesem Recht und dieser Freiheit gelegentlich auch Gebrauch macht.

Ist es moralisch statthaft, Anweisungen eines solchen Gottes zu befolgen?


"Opfere deinen Sohn!"? (Genesis 22)

1 Nach diesen Geschichten versuchte Gott Abraham und sprach zu ihm: Abraham! Und er antwortete: Hier bin ich. 2 Und er sprach: Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du lieb hast, und geh hin in das Land Morija und opfere ihn dort zum Brandopfer auf einem Berge, den ich dir sagen werde.3 Da stand Abraham früh am Morgen auf und gürtete seinen Esel und nahm mit sich zwei Knechte und seinen Sohn Isaak und spaltete Holz zum Brandopfer, machte sich auf und ging hin an den Ort, von dem ihm Gott gesagt hatte...

Bildergebnis


Immanuel Kant:

"Dass es nicht Gott sein könne, dessen Stimme der Mensch zu hören glaubt, davon kann man sich wohl in einigen Fällen überzeugen; denn wenn das, was dem Menschen durch diese Stimme geboten wird, dem moralischen Gesetz zuwider ist, so mag die Erscheinung dem Menschen noch so majestätisch und die Natur überschreitend dünken; er muss sie doch für eine Täuschung halten."

"Abraham wollte auf göttlichen Befehl seinen einzigen Sohn abschlachten. (Das arme Kind trug unwissend noch das Holz hinzu.) Abraham hätte auf diese vermeintliche göttliche Stimme sagen müssen: Dass ich meinen guten Sohn nicht töten sollte, ist ganz gewiss; dass aber du, der du mir erscheinst, Gott seist, davon bin ich nicht überzeugt und kann es auch nicht werden, sogar wenn die Stimme vom sichtbaren Himmel herabschallen würde."


Woody Allen:

"And Abraham awoke in the middle of the night and said to his only son, Isaac, "I have had a dream where the voice of the Lord sayeth that I must sacrifice my only son, so put your pants on."

And Isaac trembled and said, "So what did you say? I mean when He brought this whole thing up?"

"What am I going to say?" Abraham said. "I'm standing there at two A.M. I'm in my underwear with the Creator of the Universe. Should I argue?"

"Well, did he say why he wants me sacrificed?" Isaac asked his father.

But Abraham said, "The faithful do not question. Now let's go because I have a heavy day tomorrow."

And Sarah who heard Abraham's plan grew vexed and said, "How doth thou know it was the Lord and not, say, thy friend who loveth practical jokes, for the Lord hateth practical jokes and whosoever shall pull one shall be delivered into the hands of his enemies whether they pay the delivery charge or not."

And Abraham answered, "Because I know it was the Lord. It was a deep, resonant voice, well modulated, and nobody in the desert can get a rumble in it like that."

And Sarah said, "And thou art willing to carry out this senseless act?" But Abraham told her, "Frankly yes, for to question the Lord's word is one of the worst things a person can do, particularly with the economy in the state it's in."

And so he took Isaac to a certain place and prepared to sacrifice him but at the last minute the Lord stayed Abraham's hand and said, "How could thou doest such a thing?"

And Abraham said, "But thou said ---"

"Never mind what I said," the Lord spake. "Doth thou listen to every crazy idea that comes thy way?" And Abraham grew ashamed. "Er - not really … no."

"I jokingly suggest thou sacrifice Isaac and thou immediately runs out to do it."

And Abraham fell to his knees, "See, I never know when you're kidding."

And the Lord thundered, "No sense of humor. I can't believe it."

"But doth this not prove I love thee, that I was willing to donate mine only son on thy whim?"

And the Lord said, "It proves that some men will follow any order no matter how asinine as long as it comes from a resonant, well-modulated voice."

And with that, the Lord bid Abraham get some rest and check with him tomorrow."


Gott (Jeremia 7,30f):

"Die Judäer haben getan, was mir missfällt, spricht der HERR. Sie haben ihre Gräuelbilder gesetzt in das Haus, das nach meinem Namen genannt ist, um es unrein zu machen, und haben die Höhen des Tofet im Tal Ben-Hinnom gebaut, um ihre Söhne und Töchter zu verbrennen, was ich nie geboten habe und mir nie in den Sinn gekommen ist."

17.10.16

Die Bibel als Tagebuch der Menschheit? (Carel van Schaik & Kai Michel)

In einem offenbar viel verkauften neuen Buch lesen der Evolutionsbiologe Carel van Schaik und der Historiker Kai Michel die Bibel als "Tagebuch der Menschheit" (siehe unten). So soll zum Beispiel die Erzählung von der Vertreibung der ersten Menschen aus dem Paradies Erfahrungen beim Übergang vom Leben als Jäger und Sammler zum sesshaften Dasein mit Ackerbau und Viehzucht" widerspiegeln. Ganz neu ist diese These nicht. Aber was ist von ihr zu halten?

Nach Ansicht der heutigen Bibelwissenschaft, die von Carel van Schaik und Kai Michel nicht bestritten wird, ist die Paradiesgeschichte wahrscheinlich um 500 vor Christus, ganz sicher nicht vor 900 vor Christus entstanden. Der Übergang vom Leben als Jäger und Sammler zum sesshaften Dasein mit Ackerbau und Viehzucht war in der Levante (dem östlichen Mittelmeerraum, wo die Bibel entstanden ist) um 10'000 vor Christus abgeschlossen. Die Paradiesgeschichte müsste also Erinnerungen an eine mehr als 9'000 Jahre zurück liegende Vergangenheit enthalten, eine Zeit, aus der es keinerlei schriftliche Überlieferungen gibt. (Das wäre etwa so, als wenn man in heute verfassten Geschichten Erinnerungen an die Zeit um 7'000 vor Christus suchen würde.)

Ist das eine glaubhafte (oder auch nur wissenschaftlich ernst zu nehmende) Hypothese? (Ganz abgesehen davon, dass Adam und Eva im Paradies nicht gejagt und gesammelt haben, sondern einfach nur gegessen, was an Früchten auf den Bäumen wuchs.) Ist es nicht viel plausibler, dass es sich hier um Phantasien von einem leichten und unbeschwerten Leben handelt, die israelitische Bauern und Bäuerinnen ihrer alltäglichen Plackerei gegenübergestellt haben? (So wie es die Bibelwissenschaft annimmt.) 

Klar: diese alltägliche Plackerei war eine Spätfolge der Sesshaftwerdung der Menschen. Aber haben die Verfasser der Erzählungen über die Anfänge der Menschheit in der Genesis das gewusst? Wohl kaum! Sonst hätten sie nicht erzählt, dass Gott den Kain (einen sesshaften Ackerbauern!), nachdem er seinen Bruder Abel erschlagen hatte, zu einem unsteten Wanderdasein auf der Erde verurteilt hat. Sie waren also der Ansicht, dass die Menschen ursprünglich sesshaft waren (zuerst im Paradies, später "östlich von Eden"), und nur einige von Gott mit einer nicht-sesshaften Lebensweise bestraft wurden.

Vielleicht ist es doch besser, wenn sich die EvolutionsbiologInnen um die Evolutionsbiologie kümmern und die BibelwissenschaftlerInnen um die Bibel?




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Gott wirft Adam und Eva aus dem Paradies, die Arche Noah übersteht die Sintflut und Jesus von Nazareth erweckt Tote zum Leben – die faszinierenden Geschichten der Bibel sind fester Bestandteil unserer Kultur. Und doch stecken sie voller Rätsel und Widersprüche, die auch jahrhundertelange theologische Kontroversen nicht lösen konnten. Der Evolutionsbiologe Carel van Schaik und der Historiker Kai Michel legen nun erstmals eine verborgene Seite der Bibel frei. Sie lesen die Heilige Schrift nicht als Wort Gottes, sondern als Tagebuch der Menschheit, das verblüffende Einblicke in die kulturelle Evolution des Homo sapiens bietet. Und plötzlich beginnen die alten Geschichten in neuem Licht zu funkeln.

Die Vertreibung aus dem Garten Eden markiert das wohl folgenreichste Ereignis der Menschheitsgeschichte: den Übergang vom Leben als Jäger und Sammler zum sesshaften Dasein mit Ackerbau und Viehzucht, das nicht nur zu Fortschritt, sondern auch zu Ungleichheit, Patriarchat und großen, anonymen Gesellschaften führte. Für die daraus resultierenden Probleme waren die Menschen aber weder biologisch noch kulturell gerüstet. Wie sie sich mühsam anpassten, wie sie versuchten, sich auf das bis dahin ungekannte Ausmaß menschlichen Leids in Gestalt von Ausbeutung, Krieg und Krankheiten einen Reim zu machen, das dokumentiert die Bibel auf erstaunliche Weise. Auch zeigt sie, woher das Bedürfnis nach Spiritualität stammt und weshalb die Menschen nicht schon immer die Angst vorm Tod umtrieb.


Die Autoren nehmen uns mit auf eine Reise voller Überraschungen, die von Eden über den Exodus aus Ägypten bis nach Golgatha und zur Apokalypse führt. Dabei eröffnet sich eine neue Perspektive auf die kulturelle Evolution des Menschen und der Religion. Wir begreifen, warum viele der biblischen Probleme uns bis zum heutigen Tage beschäftigen und warum nicht wenige von uns eine Sehnsucht nach dem Paradies verspüren. Die Bibel ist tatsächlich das Buch der Bücher. Sie geht uns selbst dann etwas an, wenn wir gar nicht an Gott glauben.

Kinderfragen mit irgendwelchem Unsinn beantworten?

Im heutigen "Migros-Magazin"* schreibt eine Mutter, dass ihre Tochter sie im Wald dauernd fragt, "wie etwas heisst, ein Baum, Strauch oder Pilz. Dann erfindet man schnell etwas..."

Ich finde das ein wenig schockierend.

Warum sagt sie nicht einfach: "Ich weiss es nicht"?

Warum macht sie nicht ein Foto mit ihrem Handy und versucht dann zu Hause (oder sogar in einer Bibliothek) gemeinsam mit ihrer Tochter herauszufinden, was das für ein Baum, Strauch oder Pilz war?

Keine Zeit? Keine Lust? Lieber das Kind mit irgend einem Quatsch abspeisen, damit es Ruhe gibt?

So bringen wir unseren Kindern bei, dass es auf die Wahrheit nicht ankommt. Hauptsache, man kann auf jede Frage irgend etwas antworten. Da muss man sich nicht wundern, dass Leute wie Donald Trump Erfolg haben.

Zur Ehrenrettung der Mutter muss gesagt werden, dass sie schreibt, sie informiere sich jetzt besser über Pilze. Immerhin!

Aber warum zeigt sie ihrer Tochter nicht lieber, wo und wie man solche Informationen findet?

* Migros Magazin 42, 17.10.2016, Seite 5. (www.migrosmagazin.ch)


23.6.16

Wie es wirklich war

Im Anfang schuf Gott erst mal gar nichts. «Dafür ist auch morgen noch Zeit», sprach er und strich sich zufrieden über den Bart.

Am zweiten Tag sprach Gott: «Ach, es sind ja noch fünf Tage übrig», und sank wieder in die Kissen.

Am dritten Tag wollte Gott schon anfangen, das Licht von der Finsternis zu scheiden, aber kaum hatte er sich auch nur einen Kaffee gekocht, war der Tag irgendwie schon vorbei.

Am vierten Tag dachte Gott ernsthaft darüber nach, jemand anderen die ganze mühsame Schöpfungsarbeit machen zu lassen. Aber es war ja noch niemand da.

Am fünften Tag hatte Gott andere Dinge zu erledigen, die viel dringender waren.

Am sechsten Tag überlegte Gott, ob es wohl möglich war, sich irgendwie aus der Affäre zu ziehen. Es fiel ihm aber nichts Rechtes ein. Schließlich war er allmächtig, was die meisten Ausreden ein bisschen unglaubhaft wirken lässt.

Am Sonntag um fünf vor zwölf schließlich schluderte Gott hastig irgendwas hin: Wasser, Erde, Tag, Nacht, Tiere, Zeugs. Dann betrachtete er sein Werk und sah, dass es so lala war. «Aber für nur fünf Minuten», sagte er, «gar nicht so schlecht!»


Aus: Kathrin Passig & Sascha Lobo, Dinge geregelt kriegen - ohne einen Funken Selbstdisziplin, Berlin: Rowohlt, 2008, 7f.

19.6.16

Gottes Nähe spüren?

Ich weiss nicht, wie oft ich schon in einem Gottesdienst die Bitte an Gott gehört habe: "Lass uns deine Nähe spüren!"

Wie würde sich Gottes Nähe anfühlen?

Warum bitten wir Gott nicht gleich, sich für uns sichtbar zu machen? Oder laut und deutlich zu uns zu sprechen?

Weil wir wissen, dass diese Bitten nicht erhört werden? Und weil man beim Spüren leichter mogeln bzw. sich etwas vormachen kann?

Gott kann man nicht sehen.
Gott kann man nicht hören.
Gott kann man nicht spüren.
Gott kann man nicht riechen.
Gott kann man nicht schmecken.

Der Glaube an Gott, das Vertrauen auf ihn, sollte bessere Gründe haben als ein diffuses Spüren oder Nicht-Spüren. Sonst ist er auf Sand gebaut.

21.5.16

Sterblichkeit - Strafe oder Gnade?

Gott setzte den Menschen, den er geschaffen hatte, in den Paradiesgarten und sagte zu ihm:

Von allen Bäumen des Gartens darfst du essen, doch vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse darfst du nicht essen; denn sobald du davon isst, wirst du sterben. 

Der Mensch (Mann und Frau) übertrat dieses Verbot. 

Da sagte Gott zu der Frau:

Viel Mühsal bereite ich dir, sooft du schwanger wirst. Unter Schmerzen gebierst du Kinder. Du hast Verlangen nach deinem Mann; er aber wird über dich herrschen.

Und zu dem Mann sagte er:

Weil du auf deine Frau gehört und von dem Baum gegessen hast, von dem zu essen ich dir verboten hatte: So ist verflucht der Ackerboden deinetwegen. Unter Mühsal wirst du von ihm essen alle Tage deines Lebens. Dornen und Disteln lässt er dir wachsen und die Pflanzen des Feldes musst du essen. Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du zurückkehrst zum Ackerboden; von ihm bist du ja genommen. Denn Staub bist du, zum Staub musst du zurück.

Die angedrohte Todesstrafe: "Sobald du davon isst, wirst du sterben!" wird stillschweigend umgewandelt in lebenslängliche Mühsal. Zugleich wird das Leben der Menschen begrenzt: "bis du zurückkehrst zum Ackerboden". Vertrieben aus dem Paradies wird der Mensch nicht ewig leben, denn der Zugang zum Baum des Lebens ist ihm versperrt.

Ist diese Begrenzung des menschlichen Lebens eine weitere Strafe für seinen Ungehorsam? Oder ist sie eine gnädige Begrenzung des mühseligen Lebens ausserhalb des Paradieses: wenn schon Mühsal, dann wenigstens nicht ewig?!

Vgl. Jesus Sirach 41,1f:

Tod, wie bitter ist es, an dich zu denken, für den, der ruhig sein Heim bewohnt, für den, der ohne Sorge ist und in allem Erfolg hat und noch kräftig genug ist, die Lust zu genießen.

Tod, wie gut ist es, dass du auferlegt bist, für den betrübten und kraftlosen Menschen, für den, der strauchelt und überall anstößt, der verzweifelt ist und die Hoffnung verloren hat.



20.5.16

Die Bibel beantwortet alle Fragen - oder etwa nicht?

Auf der Homepage eines deutschen Theologieprofessors habe ich dieses Zitat von Dietrich Bonhoeffer gefunden:

Ich glaube, dass die Bibel allein die Antwort auf all unsere Fragen ist und dass wir nur anhaltend und demütig zu fragen brauchen, um die Antwort von ihr zu bekommen!

Ich frage mich, was für Fragen sich Dietrich Bonhoeffer wohl gestellt hat - und was für Fragen er sich ganz offensichtlich nicht gestellt hat. Hat es ihn nicht interessiert, wie eine Glühbirne funktioniert, wie man ein krankes Kind gesund machen kann oder wie es die Nazis geschafft haben, ein ganzes Volk zu Verbrechern zu machen? Hat er wirklich gemeint, dass die Bibel ihm diese Fragen beantworten würde, wenn er sie nur anhaltend und demütig fragen würde?

Ich finde die Bibel äusserst interessant - aber "dass sie allein (!) die Antwort auf all (!) unsere Fragen ist" - mit Verlaub, das ist meiner Meinung nach kompletter Unsinn.



https://www.heiligenlexikon.de/Fotos/Dietrich_Bonhoeffer3.jpg