4.12.12

Gott und die Politik


 

Darf Gott sich in die Politik einmischen? Der Papst meint: „Ja!“ Die Zeit sagt: „Nein!“ (Nr. 49 vom 29. November 2012) Schon vor zweieinhalbtausend Jahren war diese Frage umstritten. Damals wie heute ging es nicht nur darum, ob Gott sich einmischen darf, sondern auch (und vor allem) darum, welche Ansichten er vertreten darf. Interessanterweise scheint der Konflikt damals nicht einer zwischen „Kirche“ und „Staat“ gewesen zu sein. Vielmehr verliefen die Fronten quer durch „Kirche“ und „Staat“.

30.9.12

Wahre Demut

Und Gott sprach: Es sollen Lichter werden an der Feste des Himmels, Tag und Nacht zu scheiden, und sie sollen als Zeichen dienen und zur Bestimmung von Zeiten, Tagen und Jahren, und sie seien Lichter an der Feste des Himmels, dass sie auf die Erde leuchten! Und es geschah also. Gott machte die zwei groβen Lichter: das gröβere Licht, dass es den Tag beherrsche, und das kleinere Licht, dass es die Nacht beherrsche, dazu auch die Sterne. Und Gott setzte sie an die Feste des Himmels, dass sie auf die Erde leuchten und Tag und Nacht beherrschen und Licht und Finsternis scheiden... (Genesis 1,14-18)

Im Talmud (bChullin 60b) wird (von Rabbi Schim'on ben Pazi) auf den (scheinbaren) Widerspruch hingewiesen, dass es zuerst heiβt: Gott machte die zwei groβen Lichter, und dann: das groβe Licht ... und das kleine Licht. (Im Hebräischen steht dasselbe Wort für groβ und für gröβer (bzw. für klein und für kleiner.) Dieser Widerspruch wird durch die folgende kleine Erzählung erklärt: Der Mond - der, wie hier stillschweigend vorausgesetzt wird, zunächst gleich groβ wie die Sonne geschaffen worden war - sprach vor dem Heiligen, gepriesen sei er: Herr der Welt, ist es denn angängig, dass zwei Könige sich einer Krone bedienen? Der Mond bezweifelt also, dass es möglich ist, dass zwei Gestirne, die Sonne und er selbst, gemeinsam die Herrschaft ausüben. Daraufhin wird er von Gott bestraft, indem er verkleinert und so der Sonne nachgestellt und untergeordnet wird: Er erwiderte ihm: Geh und vermindere dich! 

2.9.12

Religiöse Erziehung und Religionsfreiheit


In einem Beitrag zum Feuilleton-Teil der Neuen Züricher Zeitung vom 30.8.2012 mit dem Titel „Kindeswohl und Elternpflicht“* plädiert Ludger Lütkehaus „für das Prinzip Aufschub“ in der religiösen Erziehung: „die Ausübung der elterlichen Erziehungsrechte [darf] der späteren freien Entscheidung in Fragen der Religionszugehörigkeit nicht irreversibel vorgreifen“. Eltern sind dazu verpflichtet, „ihre unmündigen Kinder so früh wie möglich zur Mündigkeit zu befähigen und die mündig gewordenen unverzüglich in ihre Freiheit als «Weltbürger» zu entlassen“.

Vor diesem Hintergrund polemisiert Lütkehaus gegen die von Peter Sloterdijk so genannten «Weitergabe-Institutionen», «Taufnationen» und «Religionsnationen» als «geschlossene Entbindungsanstalten», die „für eine unnötig vorauseilende Bekenntnisdetermination der unmündigen Kinder [sorgen]. In einer zirkulären konfessionellen Praxis schaffen sie selber jene homogenen religiösen Milieus, die sie als Rechtfertigungsgrund der von ihnen ausgeübten Konformierung bemühen.“

Beschneidung und religiöser Dialog


Das Landgericht Köln hat bekanntlich in einem Urteil vom 7. Mai 2012 festgestellt, dass eine Beschneidung von Minderjährigen aus religiösen Motiven eine rechtswidrige Körperverletzung darstellt. Es hat das Grundrecht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit in diesem Fall wegen der Endgültigkeit des Eingriffes höher gewichtet als das Erziehungsrecht der Eltern und deren Religionsfreiheit. Außerdem nimmt die Beschneidung nach Ansicht des Gerichts dem Kind die Freiheit, später selbst über seine Religionszugehörigkeit entscheiden zu können.* Man kann also nicht einfach sagen, das Gericht habe die Religionsfreiheit eingeschränkt. Es hat - unter anderem - die Religionsfreiheit der Eltern zugunsten der Religionsfreiheit ihrer unmündigen Kinder eingeschränkt.

25.8.12

Auferstehungsglaube

Helmut Fischer, Der Auferstehungsglaube: Herkunft, Ausdrucksformen, Lebenswirklichkeit, Zürich: Theologischer Verlag, 2012



19.8.12

Größe und Bescheidenheit Gottes

Rabbi Jochanan sagte: Überall, wo du die Größe des Heiligen, gepriesen sei er, findest, findest Du auch seine Bescheidenheit. Dies ist in der Thora geschrieben, in den Propheten wiederholt und in den Schriften ein drittes Mal bezeugt. Es ist in der Thora geschrieben: Fürwahr, Jahwe, euer Gott, ist der Gott der Götter und der Herr der Herren, der große, starke und furchtbare Gott, der niemanden bevorzugt und sich nicht bestechen lässt. [Deuteronomium 10,17] Danach ist geschrieben: Er verschafft der Waise und der Witwe Recht und er liebt den Fremden, so dass er ihm Nahrung und Kleidung gibt. [Deuteronomium 10,18] Es wird wiederholt in den Propheten, wo geschrieben ist: Fürwahr, so hat gesprochen der Hohe und Erhabene; er thront auf ewig, und sein Name ist heilig: Ich throne hoch und erhaben, und ich bin bei dem, der verzweifelt und zerknirscht ist, um den Geist der Zerknirschten zu beleben und um das Herz der Verzweifelten zu beleben. [Jesaja 57,15] Ein drittes Mal ist es in den Schriften bezeugt, wo geschrieben ist: Singt für Gott, besingt seinen Namen, erhebt ihn, der durch die Wüsten fährt, mit seinem Namen Jah, jubelt vor ihm! [Psalm 68,5] Danach ist geschrieben: Vater der Waisen und Richter der Witwen ist Gott in seiner heiligen Wohnung. [Psalm 68,6] (Babylonischer Talmud, Megilla 31a)

6.8.12

Moral Enhancement


Im Magazin Philosophy Now (July/August 2012) plädieren die Philosophieprofessoren Julian Savulescu (Oxford) und Ingmar Persson (Gothenburg) dafür, die Möglichkeiten einer moralischen Verbesserung der Menschen durch biomedizinische Mittel zu erforschen. (Vgl. ihr Buch Unfit for the Future: The Urgent Need for Moral Enhancement, Oxford University Press, 2012.) Begründung: Die Moralität der meisten Menschen sei den Problemen unserer Zeit - Savulescu und Persson nennen vor allem die durch Menschen bewirkte Klimaveränderung und die drohende Auslöschung allen Lebens auf der Erde durch Massenvernichtungswaffen - nicht gewachsen. Die meisten Menschen fühlen sich nur für ihre räumlich und zeitlich engere Umgebung moralisch verantwortlich. Nur wenige spüren eine persönliche Verantwortung für die globale Lage aller Lebewesen auf der Erde in ferner Zukunft - obwohl ihr Handeln de facto darauf Einfluss hat. Die traditionellen Mittel, diese Situation zu verbessern, moralische Erziehung und soziale Reformen, haben sich nach Meinung der Autoren als nur begrenzt tauglich erwiesen. In Anbetracht der Nähe und der Größe der Gefahr sollte man deshalb von allfälligen Möglichkeiten, die Menschen z.B. durch genetische Eingriffe oder pharmazeutische Behandlung moralisch zu verbessern, Gebrauch machen - mindestens aber über den Einsatz solcher Mittel nachdenken und ihn nicht von vornherein ablehnen.

5.8.12

Unfreiwillige Liebe

Stellen Sie sich vor, Sie hätten sich unsterblich in einen Menschen verliebt, der/die Ihre Liebe nicht erwidert. Nun erfahren Sie, dass es ein neues Medikament gibt, das bewirkt, dass ein Mensch Liebe für einen bestimmten anderen Menschen empfindet. Die Wirkung dieses Medikaments ist unbegrenzt. Es muss nur ein einziges Mal verabreicht werden. Sie erhalten die Möglichkeit, der von Ihnen geliebten Person dieses Medikament zu verabreichen? Werden Sie das tun? Wollen sie das? Dürfen Sie das?


3.8.12

Verstehen und Zustimmen


In der Literatur zur christlich-theologischen Bibelauslegung begegnet man immer wieder der Behauptung, man habe einen biblischen Text erst richtig verstanden, wenn man seine Wahrheit eingesehen habe. Oft wird diese Forderung noch verschärft: Man könne einen biblischen Text überhaupt nur verstehen, wenn man an ihn mit der Überzeugung (bzw. dem Vertrauen) herangehe, dass er die Wahrheit sagt. Sonst werde man dem Wahrheitsanspruch der Bibel nicht gerecht.

29.7.12

psalm 2


warum toben die heiden
und murren die völker so vergeblich
die könige der erde lehnen sich auf
und die herren halten rat miteinander
wider den herrn und seinen gesalbten
lasset uns zerreißen ihre bande
und von uns werfen ihre stricke
aber der im himmel wohnt lachet ihrer
und der herr spottet ihrer
einst wird er mit ihnen reden in seinem zorn
und mit seinem grimm wird er sie erschrecken
ich aber habe meinen könig eingesetzt
auf meinem heiligen berg zion
kundtun will ich den ratschluss des herrn
er hat zu mir gesagt du bist mein sohn
heute habe ich dich gezeugt
bitte mich so will ich dir völker zum erbe geben
und der welt enden zum eigentum
du sollst sie mit einem eisernen zepter zerschlagen
wie töpfe sollst du sie zerschmeißen
so seid nun verständig ihr könige
und lasst euch warnen ihr richter auf erden
dienet dem herrn mit furcht
und küsst seine füße mit zittern
dass er nicht zürne und ihr umkommt auf dem wege
denn sein zorn wird bald entbrennen
wohl allen die auf ihn trauen